Gesundheits-Apps: Was bringen die kleinen Programme?

By | Juni 9, 2013

Nützlich oder eine Spielerei. Bei Apps kann man sich da nicht immer sicher sein. Das gilt auch für sogenannte Gesundheits-Apps. Der ARD-Ratgeber Gesundheit hat einige von ihnen getestet. Nützliche – und welche, die richtig Spaß machen.


Aktiv sein für die Gesundheit. Wer will das nicht! Vielleicht kann das Smartphone dabei helfen! Rund 15.0000 Gesundheits-Apps schwirren im virtuellen Raum umher. Aber wie sollen Nutzer erkennen, welche wirklich sinnvoll sind? Zu unterschiedlich sind die Programme mit Anwendungen und Informationen rund um Fitness und  Gesundheit. Ausprobieren und kritisch sein heißt da die Devise!

Im Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik in Hannover werden unter anderem auch Apps speziell für Fachpersonal entwickelt. Denn auch in der Klinik spielen Handys und Tablet-PCs  für Ärzte, Therapeuten und Pflegepersonal eine immer wichtigere Rolle. Dr. med. Urs Vito Albrecht beurteilt die Situation auf dem unübersichtlichen App Markt so:

„Der Nutzen und die Vertrauenswürdigkeit dieser Softwarehäppchen variieren stark. Apps mit medizinischen Bezug und Nutzen bei geringem Schadenspotential für den Endverbraucher finden sich sicherlich dann, wenn Apps medizinische Inhalte zum Lernen, Verstehen und Erklären darstellen, also medizinische Wörterbücher und Ratgeber. Patiententagebücher, die bei der Dokumentation ihrer Erkrankung und des Therapieverlaufs helfen oder an die Einnahme von Medikamenten erinnern, sind ebenfalls denkbar sinnvoll. Ähnlich sind Apps zu bewerten, die zu einem bestimmten gesundheitsbewussten Verhalten anregen oder Trainingspläne für körperliche Übungen, auch im Rahmen einer Rehabilitation anbieten.“ Dr. med. Urs Vito Albrecht, medizinische Hochschule Hannover

Worauf kommt es bei den Gesundheitshelfern aus der Hosentasche an?

Etwas Leichtes zu Beginn – eine Pulsmess–App

Licht und Kamera des Smartphones werden dabei technisch elegant und clever eingesetzt. Jeder kann das Ergebnis spielend einfach überprüfen. Trotzdem ist so eine App wohl nicht mehr als ein Gag. Das Beispiel macht klar, wo bei vielen Apps das Problem liegt. Nämlich bei der Überprüfbarkeit und Relevanz der Daten für den gesundheitlichen Nutzen. Deutlicher wird dies bei Beispiel Nummer zwei:  Test- und Diagnose-Apps.

Tests- und Diagnose-Apps

Zum Beispiel Rückenschmerzen: Wo kommen die Schmerzen her und was kann man dagegen tun? Vielleicht hilft eine Diagnose–App, die Ursache zu finden. Einfach und schnell lässt sich auf dem Display die Schmerzregion ermitteln und nach weiteren, wenigen Schritten erscheint eine Übersicht möglicher Ursachen.

Aber Vorsicht: Auf welchem Stand der Wissenschaft Apps basieren, ist oft nicht ersichtlich. Besonders kritisch sind Therapiehinweise, auch wenn die meisten Apps dazu raten, für eine Diagnose und vor allem für eine Therapie unbedingt zum Arzt zu gehen. Denn auch wenn die grobe Richtung stimmen mag, die Diagnose liegt oft daneben! Das gilt auch für Test-Apps zum Beispiel für Alkohol oder das Sehen. Der Weg zum Arzt bleibt keinem erspart.

Das Fazit

Die Nutzung solcher Apps ist nicht ohne Risiken! Verbindliche Standards und Kontrollen gibt es für die meisten Gesundheits-Apps bis heute nicht. Dr. med. Urs-Vito Albrecht, vom Peter L. Reichertz Institut für medizinische Informatik der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover, sieht das durchaus kritisch:

„Staatliche Prüfsiegel, wie das CE-Kennzeichen, das an Medizinprodukte vergeben wird, stehen dafür, dass die App, die als Medizinprodukt eingestuft wird, den gesetzlichen Vorgaben und Qualitätsstandards genügt. Doch eine Großzahl der Apps, die für den Health- und Fitness-Bereich angeboten werden, unterliegen nicht dem Gesetz für Medizinprodukte. Hier können Prüfsiegel, wie sie durch Initiativen oder Firmen vergeben werden, eine Orientierung geben. Seriöse Anbieter der Siegel und Tests legen standardisierte Prüfkriterien offen. Vertrauenswürdig wird eine App auch dadurch, dass ihr Hersteller transparent über ihren Leistungsumfang und vor allem ihre Einschränkungen berichtet!“ Dr. med. Urs-Vito Albrecht, Medizinische Hochschule Hannover

Der internationale Markt ist unübersichtlich und wächst sehr schnell, eine umfassende Kontrolle ist schon deshalb kaum durchzuführen. Auch die wenigen Qualitätssiegel, die es bis heute gibt, kommen schnell an ihre Grenzen. In der Pilotphase hierzulande befindet sich der App-Check für Gesundheits-Apps aus Nordrhein-Westfalen, ein Test mit klassischer Bewertung. Die Zahl der geprüften und zertifizierten Apps ist, angesichts der Menge, gering. Abhilfe würde nach Meinung der Experten eine APP Synopsis schaffen:

„Die App-Hersteller sind aufgefordert, frühzeitig, und zwar auf den Produktseiten in den Stores, diese für den Endverbraucher kritischen Informationen nach einem Standard und leicht lesbar im Sinne einer „App-Synopsis“ anzubieten: Diese sollen dem Nutzer hinreichende Informationen zur Leistung und den Einschränkungen der jeweiligen App sowie zu Wirksamkeitsnachweisen, angewendeten Entwicklungsstandards, dem Datenschutz und nicht zuletzt Informationen zum Hersteller selbst liefern. Das kann dem Anwender dann als Grundlage dienen, um selbst zu entscheiden, ob eine App vertrauenswürdig ist.“ Dr. med. Urs-Vito Albrecht, Medizinische Hochschule Hannover

Denn ob trotz wissenschaftlich fundierter Grundlage am Ende nur ein Produkt verkauft werden soll oder sich ein anderer, weiterer kommerzieller Zweck hinter der App verbirgt,  ist leider manchmal nur geschickt versteckt. Wäre das aber von vorneherein klar, kann sich der Nutzer selbst entscheiden. Also Vorsicht beim Doktor aus der Hosentasche! Wachsamkeit und Skepsis sind gefragt. Die Hersteller sollten einen Ehrenkodex beachten, der transparente Auskunft garantiert,  fordert auch Dr. Ursula Kramer von der Initiative Präventionspartner. Auf ihrer Internetseite gibt es die Möglichkeit, Apps testen zu lassen. Auch Dr. Ursula Kramer sieht die Nutzer gefordert, kritisch auszuwählen.  

Viele Apps sind trotzdem sinnvoll und hilfreich

Erste Hilfe Apps: Klar und einfach sind die Meisten aufgebaut. Über das richtige Verhalten am Unfallort und die ersten wichtigen Maßnahmen klären sie leicht verständlich auf. Das gibt Sicherheit für und im Notfall. Das Reinschauen vorher wird dabei zur mühelosen, oft schon längst fälligen Wiederholungsstunde, die außerdem überall und jederzeit stattfinden kann. Fazit: eine echte Hilfe. Anschauen und ausprobieren!

Und auch sie sind wärmstens zu empfehlen: Vorsorge–Apps. Sie informieren nicht nur kompetent und leicht verständlich über Gesundheitsvorsorge und die möglichen Gefahrenquellen des eigenen Lebensstils. Mit ihnen lässt sich auch planen, erinnern und organisieren. Bei guten Apps geht das spielerisch, unterhaltend, seriös und auf dem aktuellen Stand. Apropos aktueller Stand: Manchmal lassen sich sogar wichtige Unterlagen, wie zum Beispiel der Impfpass, gleich mit ins Smartphone holen und dort speichern. Praktisch, denn so sind die Unterlagen überall dabei! Fazit: unbedingt nutzen!

Und noch ein Hinweis für alle, die begeistert eigene Körperwerte möglichst umfassend und überall messen und dokumentieren. Inzwischen gehören solche Anwendungen zu den meist genutzten Apps. Oft werden aber Daten gesammelt und übertragen, ohne dass klar ist, wer Zugriff darauf hat und was genau mit den Daten noch geschieht. Das sollte jeder Nutzer aber unbedingt wissen. Fazit: Apps ohne ausreichenden Datenschutz meiden.  

Und am Ende nicht vergessen: Am besten ist es immer noch, selbst aktiv für die eigene Gesundheit zu werden. Wenn Apps helfen und motivieren, umso besser!

 

Zuerst erschienen auf:

www.daserste.de/