Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz?

By | Februar 10, 2013

Ab August haben auch Kinder unter drei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Was bedeutet es konkret, demnächst klagen zu können? Was glauben Sie? Schaffen die Gemeinden es bis dahin, jedem, der will, einen Platz anzubieten? Plus: Tipps, wie Sie Ihr Kind auch ohne Anwalt unterbringen.

Die Welt ist im niedersächsischen Barsinghausen in Ordnung. Für die 33 000 Einwohner gibt es eine hübsche Freilichtbühne, diverse Naturdenkmäler, Stadtfeste und Märkte. Ein Keksfabrikant hat dort ein Werk, ein Telekommunikationsanbieter seine Verwaltung und ein großer Glashersteller seinen Hauptsitz. Weiterer Pluspunkt: Die Landeshauptstadt Hannover mit ihren Industriebetrieben, Konzernen, Banken und Behörden befindet sich nur 27 Kilometer entfernt; mit der S-Bahn ist sie im Halbstundentakt erreichbar. Diese gesunde Wirtschafts- und Infrastruktur macht den Ort für junge Familien attraktiv.
Also existieren 22 Kitas – neun städtische, 13 private – mit insgesamt 128 Plätzen für Kinder unter drei Jahren (U3) sowie 790 für Kinder über drei (Ü3). Erst im September hat die bislang neueste Einrichtung eröffnet: die Kita „Wirbelwind“ einer evangelisch- freikirchlichen Gemeinde. „Wir hatten die Räumlichkeiten dafür – und wollten etwas für unsere Stadt tun“, sagt Horst Petersmann, der Vorsitzende des Trägervereins. „Wirbelwind“ finanziert seine 18 Plätze über Zuschüsse von Stadt und Land, Spenden und natürlich Gebühren, die sich nach der städtischen Gebührenordnung richten. So zahlen Eltern beispielsweise 109 Euro für die Halbtagsbetreuung eines Ü3-Kindes.

 

Zu wenig Plätze für die Kleinen

 

Doch die Drei- bis Sechsjährigen sind in Barsinghausen nicht das Problem: 92,6 Prozent von ihnen haben einen Kita-Platz. Schwierig ist die Situation bei den Kleineren: Derzeit können nur 26,1 Prozent der U3-Kinder außer Haus betreut werden (bundesweiter Durchschnitt derzeit: 25,4 Prozent) – das sind satte 13 Prozent weniger als die vom Familienministerium für kommenden August geforderten 39 Prozent. „Für uns bedeutet das, kurzfristig weitere Kapazitäten aufbauen zu müssen, um wenigstens den rechnerischen Bedarf abdecken zu können“, sagt der Erste Stadtrat Marc Lahmann im ELTERN-Gespräch. Aber der tatsächliche Bedarf könnte weit über dem rechnerischen liegen – nicht unwahrscheinlich für einen Ort im Speckgürtel einer Großstadt. Was Barsinghausen deshalb unternimmt? „Neben den bereits beschlossenen Maßnahmen, von denen der Kindergarten ‚Wirbelwind‘ ja bereits umgesetzt wurde, liegen Planungsaufträge für insgesamt 45 weitere Krippenplätze vor“, so Lahmann. Damit werde die Kommune die Vorgaben des Bundes erfüllen und sogar eine kleine Reserve schaffen.

 

Die Lage in Deutschland: Uneinheitlich

 

So oder so ähnlich sieht es im Westen der Republik derzeit in vielen Städten aus (auf dem Land ist die Lage bei Weitem nicht so angespannt): gut für Kinder über drei, aber schwierig für Kinder unter drei. Im Osten hingegen ist die Situation traditionell besser. Dort stimmen beispielsweise in Mecklenburg- Vorpommern Angebot und Nachfrage schon heute weitgehend überein. Einzig Dresden und Leipzig haben Mühe, die für diese Städte vermutlich realistische Kita-Platz-Quote von mindestens 50, eher 60 Prozent zu erreichen. Stefan Sell, der Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der Fachhochschule Koblenz, ist davon überzeugt, dass die tatsächliche Nachfrage in allen Regionen, die für junge Familien attraktiv sind, egal ob Ost oder West, nicht bei den vom Familienministerium prognostizierten 39 Prozent liegen wird, sondern bei über 50 Prozent. Kein Wunder also, dass vor allem viele Großstadtfamilien mittlerweile Frust schieben. In Bonn beispielsweise schlägt ein privater Kita-Platz schon mit 1000 Euro im Monat zu Buche; in München oder Düsseldorf sind es sogar bis zu 1200 Euro. Welcher Normalverdiener kann sich das leisten?

 

Wunsch vieler Eltern: Ein „Kita-Navigator“

 

Städtische – und damit bezahlbare – Krippenplätze sind fast überall Mangelware, was bizarre Blüten treibt. „Es gibt Eltern, die ihr Kind gleichzeitig in bis zu 20 Kitas anmelden – und die am Ende gar nicht mehr wissen, wo es überall auf der Warteliste steht“, erzählt etwa Andrea Letzner, die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Freiburger Kitas. „Und aus Freude über den endlich ergatterten Platz vergessen sie dann, die anderen Plätze abzusagen – was die vielen Karteileichen erklärt.“ Damit dieses Chaos ein Ende hat, wünscht sich die 36-Jährige für ihre Stadt einen „Kita-Navigator“, wie es ihn in Düsseldorf bereits gibt: ein zentrales, täglich aktualisiertes Online- Vormerksystem für sämtliche Betreuungsplätze, städtische wie private. Bis es so weit ist, vertraut sie auf die Zusage der Freiburger Politiker, die bis 2014 eine 50-Prozent-Quote erreichen wollen; derzeit liegt sie bei 36 Prozent. Doch zufrieden ist auch Letzner nicht: „Eltern brauchen weit mehr als Regelplätze mit Öffnungszeiten bis 14 oder 16 Uhr, damit sie ohne Sorgen Beruf und Familie vereinbaren können“, sagt die zweifache Mutter.

 

Löbliche Ausnahme: München

 

Ein Sonderfall unter den Großstädten ist übrigens das wohlhabende München. Die Isarmetropole wird vermutlich als einzige deutsche Großstadt im Westen exakt so viele Plätze anbieten können, wie die Statistiker zuvor als notwendig errechnet haben: 66 Prozent. Allerdings werden sich diese Plätze nicht unbedingt passgenau in den jeweiligen Stadtteilen befinden. So dürfte es in den kinderreichen Trendvierteln (Gärtnerplatz, Glockenbach) auch künftig zu wenig Einrichtungen geben – zu wenig städtische Einrichtungen gibt es sowieso – und in anderen Stadtteilen zu viele. Doch der Bürgermeister ist zufrieden. Er wird vermutlich von der Prozesswelle verschont bleiben, die ab Herbst auf andere Kommunen zurollt.

 

Adresse der Quelle:

www.eltern.de